Ausbreitung des Neolithikums

Bei der Neolithisierung spielen zwei Prozesse die entscheidende Rolle. Einerseits die Domestikation der Pflanzen und Tiere selbst, andererseits die Verbreitung der neolithischen Lebensweise. In der jüngeren Forschung fand man heraus, dass es insgesamt sieben Gebiete weltweit gibt, an denen der Neolithisierungsprozess, also die Sesshaftwerdung und der Beginn der Landwirtschaft, einsetzte und sich von dort aus ausbreitete: Vorderasien, China, Indien, Westafrika, Mittelamerika, Südamerika und Zentralafrika (Abb. 1). Dabei geschah dies nicht gleichzeitlich, sondern in zeitlicher Versetzung von mehreren Tausend Jahren.

Globale Zentren

Abb. 1: Die sieben Zentren der Neolithisierung © Archäologischer Dienst des Kantons Bern, Max Stöckli

Ein Prozess, zwei Wege – Neolithisierung in Europa

Abb. 2: Die Neolithisierungswege von Vorderasien nach Europa © Archäologischer Dienst des Kantons Bern, Max Stöckli

Die Neolithische Lebensweise kam von Vorderasien nach Europa. Auch in Europa bedeutete die Neolithisierung den Wandel von der mobilen Lebensweise hin zur Sesshaftigkeit und Nahrungsmittelproduktion. Wie überall war dieser Wandel auch in Europa keine schnelle Entwicklung, sondern ein Prozess, der sich über mehrere Tausend Jahre hinweg vollzog. Über die Art und Weise der Ausbreitung dieser neuen Lebensweise wird in der Forschung nach wie vor diskutiert. Möglicherweise verbreitete sich die Landwirtschaft durch die Migration von Menschen, die aus dem Osten kamen und ihre Lebensweise mitbrachten. Andererseits könnte die Landwirtschaft von den in Europa wohnhaften Jäger-Sammler von den Menschen aus dem Osten übernommen worden sein. Es ist aber nicht anzunehmen, dass die bäuerliche Gesellschaft die Jäger-Sammler unmittelbar verdrängte. In einigen Regionen, wie in Westeuropa und den Britischen Inseln, konnte nachgewiesen werden, dass Jäger-Sammler neben Bauern existierten.

Über DNA-Analysen von Menschen und Tieren können Neolithisierungswege rekonstruiert werden. Bisher wurden zwei Wege von Osten nach Westen identifiziert (Abb. 2). Archäologische Forschungen ergaben, dass das Neolithikum als erstes um 6600 v.Chr. Griechenland und den Balkan erreichte. Einer dieser Neolithisierungswege führte von Griechenland über den Mittelmeerraum nach Italien, der iberischen Halbinsel und Frankreich. Dabei spielte womöglich auch die Schiffsfahrt eine wichtige Rolle. Der zweite Neolithisierungsweg verlief von Griechenland über den Balkanraum und entlang der Donau nach Mittel- und Nordeuropa. Um etwa 4000 v.Chr. setzte die Neolithisierungsprozesse in Skandinavien und den Britischen Inseln ein.

Literatur
Bellwood, P., First Farmers. The Origin of agricultural societies (Oxford 2005)
Burger, J., Die Neolithisierung Europas: Wie Mensch und Tier sesshaft wurden. Antike Welt, 4, 2010, 8-14. https://www.jstor.org/stable/i40188053
Scarre, C., The human past. World prehistory & the development of human societies (London 2009)
Trachsel, M., Ur- und Frühgeschichte. Quellen, Methoden, Ziele (Zürich 2008)

Vertiefende Literatur
Feynman, J. – Ruzmaikin, A., Climate stability and the development of agricultural societies. Climate Change, 84, 3, 2007, 295 – 311. DOI: 10.1007/s10584-007-9248-1 
Robb, J., Material Culture, Landscapes of Action, and Emergent Causation: A New Model for the
Origins of the European Neolithic. Current Anthropology, 54, 6, 2013, 657-683. https://doi.org/10.1086/673859 
Scharl, S., Die Neolithisierung Europas. Ausgewählte Modelle und Hypothesen (Leitdorf 2004)
Schier, W. Extensiver Brandfeldbau und die Ausbreitung der neolithischen Wirtschaftsweise in Mitteleuropa und Südskandinavien am Ende des 5. Jahrtausends v. Chr. Prähistorische Zeitschrift 84, 1, 15 – 43. 10.1515/PZ.2009.002

Letzte Änderung: 19.06.2021