Die Neandertaler

Der Homo neanderthalensis lebte etwa vor 250’000 bis 30’000 Jahren vor heute in Europa, Vorder- und Zentralasien. Entgegen vergangener Ansichten ist der Homo neanderthalensis kein direkter Vorfahre des Homo sapiens, sondern entwickelte sich aus dem Homo erectus. Dies geschah etwa vor 250’000 bis 200’000 Jahren während der vorletzten Eiszeit. Die These, dass sich der Homo sapiens parallel zum Neandertaler in Europa entwickelte, ist nach dem heutigen Forschungsstand widerlegt. Der moderne Homo sapiens wanderte etwa vor 70’000 bis 40’000 Jahren aus Afrika nach Europa und Asien, später nach Australien und Amerika.

Die Entdeckung des Neandertalers

Der Homo neanderthalensis ist nach dem Fundort benannt, an dem die ersten Fossilien zum Vorschein kamen. 1856 wurden beim Kalkabbau in einem Steinbruch im Neandertal bei Düsseldorf Knochen gefunden. Der Lehrer und Naturforscher Johann Carl Fuhlrott war der Erste, der die Knochen untersuchte und erkannte, dass es sich hierbei um die Überreste eines eiszeitlichen Menschen handeln muss. Unterstützung bekam Fuhlrott vom Anatomen Hermann Schaaffhausen. 1857 präsentieren sie den Fund gemeinsam der Fachwelt. Die Fachwelt jedoch lehnte ihre Theorie ab. Erst der irische Professor William King erklärte 1864 die Fossilen als Überreste einer ausgestorbenen Menschenart und führte den Begriff Homo neanderthalensis ein. Im Laufe der Zeit wurden in Europa weitere Neandertaler-Knochen gefunden, was die Erforschung der Neandertaler weiter vorantrieb und jeglichen Zweifel in der Fachwelt ausräumte.

Wichtige Neandertaler-Fundplätze

Europa:
·         Neandertal, Steinheim, Weimar-Ehringsdorf (D)
·         Swanscombe (GB)
·         Petralona (GR)
·         Altamura, Saccopastore (I)
·         Le Moustier, La Chapelle-aux-Saints, St. Césaire, La Quina, La Ferrasie (F)
·         Engis, La Naulette, Spy (B)
·         Monte Circeo, Archi, Devis Tower (Gibraltar)
Asien:
·         Teshik-Tash (Usbekistan)
·         Tabun, Amud, Kebara (Israel)
·         Shanidar (Irak)

Aussehen

Anatomisch unterscheidet sich der Neandertaler wesentlich vom modernen Menschen. Sein Körper war robust gebaut und mit der durchschnittlichen Grösse von 1,60 m gut an das eiszeitliche Klima angepasst. Ihre Schneidezähne waren gross und schaufelförmig, eine Anpassung an die fleischlastige Ernährung. Typische Gesichtsmerkmale sind ausgeprägte Überaugenwülste, ausgeprägte Augenhöhlen, eine breite Nase, ein nach innen gebogenem Kinn und eine vorspringende Nasen-Mund-Partie. DNA-Analysen ergaben, dass die Neandertaler, im Gegensatz zum Homo sapiens dieser Zeit, von heller Haar- und Hautfarbe waren. Helle Haut hatte in kaltem Klima den Vorteil, dass im Körper so mehr Vitamin D gebildet werden konnte. Das Gehirnvolumen des Neandertalers war grösser als das des modernen Menschen.

Lebensweise

Die Neandertaler lebten während der Eiszeit im Pleistozän. Die Eiszeiten waren geprägt von einem stetigen Wechsel zwischen Kalt- und Warmzeiten mit erheblichen Klimaschwankungen. Die Neandertaler waren gut an die Umwelt und extremen klimatischen Schwankungen angepasst und konnten sowohl in Warm- als auch in Kaltzeiten überleben. Ihre Hinterlassenschaften wurden in diversen Landschaftsformen gefunden. Die frühen Neandertaler lebten in einer Landschaft, in der ganz Nordeuropa und der Alpenraum vereist waren. Das Landschaftsbild prägten Tundren und Steppenlandschaften. Die Blütezeit der Neandertaler fällt in die Eem-Warmzeit, vor etwa 130’000 Jahren. Das Klima in Zentraleuropa war zu dieser Zeit wärmer als der heutige Durchschnitt. Laubwälder und Weiden prägten das Landschaftsbild. Das Leben unter diesen klimatischen Bedingungen war hart, weshalb die Neandertaler eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa 40 Jahren aufwiesen. Hohe Kindersterblichkeit, Unterernährung, Krankheiten und Verletzungen verkürzten das Leben zusätzlich. An den meisten gefunden Neandertalerskeletten sind Anzeichen von Verletzungen wie Knochenbrüche sichtbar. Die Neandertaler lebten als mobile Jäger und Sammler in Gruppen von etwa 12 bis 25 Individuen. Sie wohnten in Höhlen, Abris und Zelten. Als Nahrungsquelle jagten sie Hirsche, Pferde, Mammuts, Elefanten und das wollige Nashorn und sammelten zusätzlich Pflanzen. Aus den archäologischen Hinterlassenschaften geht hervor, dass die Lanze die bevorzugte Jagdwaffe der Neandertaler war. Pfeil und Bogen sowie Speere wurden erst später vom Homo sapiens eingeführt. Lanzen hatten eine breite Spitze und eigneten sich ideal für den Nahkampf. Die übrigen Werkzeuge wurden aus Stein hergestellt. Dazu gehören Faustkeile, diverse Schaber, Spitzen und Messer.

Bestattung

Der Homo neanderthalensis ist der erste Hominid, bei dem nachgewiesen werden konnte, dass er die Toten bewusst bestattete. An den Fundstellen Régourdou, La Chapelle-aux-Saints, St. Césaire, La Ferrassie, Kebara, Shanidar und Teshik Tash wurden Skelette gefunden, die absichtlich und mit Sorgfalt in den Boden gelegt wurden. Bei den Toten wurde auch eine Vielzahl von Funden geborgen, die als Grabbeigaben gedeutet werde. Dass die Neandertaler ihre Toten bestatten, zeigt, dass die Neandertaler ein ausgeprägtes Sozialverhalten aufwies und ein hohes Mass an Empathie und Verantwortung gegenüber Mitgliedern ihrer Gemeinschaft empfanden. Auch ist denkbar, dass die Neandertaler eine gewisse Vorstellung von Tod und Jenseits besassen.

EXKURS: Konflikte unter Neandertalern? Der Fund von Le Moustier 1

Unter den Neandertalern sind auch Anzeichen von Gewalt auszumachen. Das fragmentierte Skelett eines ca. 15-jährigen Neandertaler-Jungen, der in Le Moustier (Dordogne, Frankreich) ausgegraben wurde, zeigt ein grosses Mass an Gewaltwirkungen. Die Fundstelle wurde 1908 vom Schweizer Archäologen Otto Hauser entdeckt und untersucht. Er und der Anthropologe H. Klaatsch interpretierten den Fund als eine sorgfältige Bestattung. Silexartefakte und Tierknochen lagen mit im Grab. Seit der Entdeckung wurde der Schädel unzählige Male untersucht. Neuere Untersuchen ergaben, dass es sich bei Le Moustier keineswegs um eine sorgfältige Bestattung handelte. Der Junge wurde höchst wahrscheinlich erschlagen, postmortal geköpft, zerhackt und in eine Grube geworfen. Doch wie ist der Fund zu interpretieren? War es eine rituelle Niederlegung oder ein Verbrechen? Diese Fragen vermag auch die moderne Archäologie nicht zu klären.

Abb. 3: Der Schädel von Le Moustier 1 (Wikimedia Commons, Public Domain)

Homo neanderthalensis und Homo sapiens

Nachdem der Homo sapiens um 70’000 vor heute aus Afrika nach Europa einwanderte, traf er auf die heimischen Neandertaler. Die beiden Menschenarten koexistierten mehrere Tausend Jahre lang. Vermutlich kam es auch zu sexuellen Verbindungen zwischen dem Homo sapiens und den Neandertalern. Genetischen Untersuchen zufolge tragen alle modernen Nicht-Afrikaner etwa 2% Neandertaler-Gene in sich. Abgesehen vom Körperbau waren die aus Afrika eingewanderten Homo sapiens den Neandertalern in vielem überlegen. So stellten sie die besseren Werkzeuge her, konnten die Ressourcen besser nutzen, waren besser an die Umwelt angepasst, hatten eine längere Lebenserwartung und niedrigere Kindersterblichkeit. Vor etwa 40’000 bis 30’000 starb der Homo neanderthalensis aus. Die Annahme, dass der Homo sapiens massgebend am Aussterben der Neandertaler beteiligt war, ist nicht belegt. Die Gründe für das Verschwinden der Neandertaler sind nach wie vor Gegenstand der aktuellen Forschung.

Literatur

Auffermann, B. – Orschiedt, J., Die Neandertaler. Auf dem Weg zum modernen Menschen (Stuttgart 2006)
Husemann, D., Die Neandertaler. Genies der Eiszeit (Frankfurt 2005)
Ullrich, H. The Neandertal adolescent Le Moustier 1. New aspects, new results (Berlin 2005)
Schrenk, F., Die Frühzeit des Menschen. Der Weg zum Homo sapiens (München 2003)

Letzte Änderung: 31.10.2020