Epochenüberblick Paläolithikum

Das Paläolithikum (gr. Palaios = «alt», lithos = «Stein»), auf Deutsch «Altsteinzeit», ist die längste Periode der Menschheitsgeschichte. Global gesehen umfasst das Paläolithikum den Zeitraum von 5 Mio. bis 10’000 Jahre vor heute. Im Paläolithikum spielte sich die gesamte Entwicklung des Menschen ab, ebenso die Migration der frühen Menschen aus Afrika in die ganze Welt. Im Paläolithikum lebten verschiedene Vertreter der Gattung Homo als mobile Jäger und Sammler. Steinwerkzeuge sind die häufigsten Gegenstände, die aus dem Paläolithikum erhalten sind. Wegen des hohen Alters der Funde kann man sich in der Archäologie nicht nur auf die materiellen Quellen verlassen. Umwelt- und Klimadaten spielen eine ebenso wichtige Rolle.

Das Paläolithikum in Europa ist grob in die Perioden Alt- Mittel- und Jungaltsteinzeit unterteilt, die wiederum in feinere Stufen gegliedert sind. Die Stufen sind nach den Steinwerkzeug-Industrien benannt. Als «Industrie» wird das für eine Fundstelle typische Inventar an Steinartefakten bezeichnet. Diese Steingeräte gelten als typische Leitfunde der jeweiligen Stufe.

Altpaläolithikum

Das Altpaläolithikum begann etwa um 2,5 Mio. Jahren vor heute. Im Altpaläolithikum lebten die Menschenformen Homo habilis/Homo rudolfensis und der Homo ergaster/Homo erectus. Zu den archäologischen Funden aus dem Altpaläolithikum gehören Werkzeuge aus Silex (Feuerstein) und einige Holzartefakte. Auch begann der Mensch im Altpaläolithikum das Feuer zu nutzen. Die ersten Werkzeuge der Gattung Homo wurden vom Homo rudolfensis hergestellt und sind etwa 2,5 Millionen Jahre alt. Dabei handelt es sich um grobe Steinwerkzeuge, die zum Schlachten von Tieren und der Holzbearbeitung benutzt wurden. Gefunden wurden diese in der Oldoway-Schlucht in Tansania, weshalb diese Werkzeug-Industrie als Oldowan Industrie bezeichnet wird. Um etwa 1.8 Mio. Jahre vor heute verliess der Homo erectus als erster Hominid den Afrikanischen Kontinent und wanderte nach Asien und Europa aus (genannt Out of Africa I). Die Steinwerkzeug-Industrie dieser Zeit wird, nach dem Fundort Saint Acheul (Frankreich), Acheuléen genannt und ist mit einer ungefähren Dauer von 1,45 Mio. Jahren die längste andauernde steinzeitliche Industrie. Leitfund des Acheuléen ist der Faustkeil. Die ältesten datieren auf ein Alter von 1.7 Mio. Jahre vor heute und wurden in Afrika gefunden. Um 400’000 vor heute tauchten die ersten Faustkeile auch in Eurasien auf. Der älteste in der Schweiz gefundene Faustkeil stammt aus Pratteln (BL) und ist etwa 300’000 Jahre alt (Abb. 1). Funde aus dem Altpaläolithikum sind in der Schweiz selten. Grund dafür ist unter anderem die Zerstörung der Fundstellen durch die regelmässigen Gletschervorstössen während der Kaltzeiten.

Abb. 1: Der Faustkeil von Pratteln (BL) (Wikimedia commons, By Adrian Michael, derivative work Lämpel – Own work, CC BY 3.0)

Mittelpaläolithikum

Das Mittelpaläolithikum in Europa besteht aus zwei grossen Steinwerkzeug Industrien: Das Moustérien und das Micoquien. Das Moustérien ist nach dem Fundort Le Moustiér in Frankreich benannt und ist in Europa und Vorderasien verbreitet. Typische Leitfunde dieser Zeit sind Schaber und Spitzen aus Feuerstein. Als Moustérien gelten jene Funde, die in den Zeitraum von 120’000 – 40’000 Jahre vor heute datieren. Die Moustérien-Industrie wird in Europa mit dem Neandertaler in Verbindung gebracht. Die Neandertaler lebten während des Mittelpaläolithikums in Europa und Asien. Sie waren in Gruppen organisierte Jäger und Sammler und lebten in Höhlen, Abris (Felsvorsprung) und Zelten. Sie hatten einen Sinn für Ästhetik, wie ausgegrabene Schmuckstücke zeigten. Auch hatten sie ein gewisses Verständnis für den Tod und möglicherweise eine bestimmte Jenseitsvorstellung, denn sie bestatteten ihre Verstorbenen sorgfältig. Die Neandertaler lebten eine Zeit neben dem Homo sapiens, bis sie um 40’000 Jahre vor heute ausstarb. Die letzte Phase des Mittelpaläolithikums wird Micoquien, nach dem Fundort La Micoque (F), genannt. Das Verbreitungsgebiet des Micoquien konzentriert sich vor allem auf Mitteleuropa. Das Micoquien datiert in den Zeitraum von 60’000 – 40’000 Jahre vor heute, also in die letzte Kaltzeit.

Abb. 2: Moustérien-Werkzeuge von der Fundstelle Löwenburg-Neumühlefeld (JU) (Zeichnungen J.-M. Le Tensorer)
Abb. 3: Micoquien Keil (Wikimedia commons, Public domain)

Jungpaläolithikum

Das Jungpaläolithikum begann um etwa 40’000 vor heute. Kurz vorher trafen die ersten Homo sapiens aus Afrika in Europa ein, wo sie auf die einheimischen Neandertaler stiessen. Im Jungpaläolithikum waren grosse Teile Europas mit Eis bedeckt. Die Menschen zogen als Jäger und Sammler durch die Tundren, auf der Jagd nach Mammuts, Wollnashörner, Riesenhirsche und Bisons. Sie lebten in Gruppen und wahren vermutlich saisonal sesshaft, wie Überreste von Zelt- und Hüttenkonstruktionen zeigen. Die Menge an materiellen Hinterlassenschaften des Jungpaläolithikums ist wesentlich grösser als jene des Alt- und Mittelpaläolithikum. Erstmals konnten auch Artefakte wie Schmuck, Figurinen und Instrumente geborgen werden. Neben Silex wurden auch vermehrt Knochen und Geweih verarbeitet. In dieser Epoche traten auch neue Waffen auf: Pfeil und Bogen und Speerschleuder waren nun die bevorzugte Jagdwaffen. Aus dem Jungpaläolithikum stammen auch Funde, die als Kunstwerke gelten. Dazu zählen Figurinen aus Knochen, Elfenbein und Ton. Auch das Jungpaläolithikum ist in verschiedene Stufen unterteilt, die auf den Silexindustrien und den jeweiligen Fundorten basieren. Die erste grosse Industrie ist das Aurignacien, benannt nach dem Fundort Aurignac in Frankreich. Die Funde dieser Epoche sind vielfältig. Dazu zählen Knochenobjekte, Klingen, Flöten, Höhlenmalereien, Figurinen und Nadeln. Typisch sind auch Figurinen aus Elfenbein. Ein bekanntes Exemplar ist die Figurine eines Löwenmenschen, die in Hohenstein-Stadel (D) gefunden wurde (Abb. 4). Aus dem Jungpaläolithikum wurden auch viele Gräber gefunden, besonders aus dem Gravettien (28’000 – 22’000 vor heute). Diese sind reich ausgestattet, unter anderem mit Ocker, einem roten Farbstoff, der ins Grab gelegt wurde. Auch kommen Doppelbestattungen vor, wo zwei Individuen im Grab liegen. Zu den weiteren typischen Leitfunden des Gravettien gehören weibliche Figurinen. Die berühmteste ist die Venus von Willendorf (Abb. 5). Eine weitere wichtige Fundgattung des Jungpaläolithikums ist die Höhlenmalerei. Höhlenmalereien kommen bereits im Aurignacien vor, erreichen aber im Gravettien und Magdalénien ihren Höhepunkt. Besonders in Frankreich wurden viele gefunden. Zu den wichtigsten Fundstellen gehören Lascaux, Cosquer, Gargas, Cougnac, Cussac, Abri du Poisson und Pech-Merle. Die Malereien zeigen Tiere, Menschen bei der Jagd oder Fabelwesen. Auch Handabdrücke im Positiv und Negativ trifft man oft an.

Abb. 4: Der Löwenmensch von Hohenstein-Stadel (Illustration C. Marti)
Abb. 5: Venus von Willendorf (Illustration C. Marti)

Begriffe
Leitfunde: Eine Fundgattung, die typisch für eine bestimmte Zeit und einen Ort ist.
BP: Jahresangabe «before present», wobei mit «present» das Jahr 1950 gemeint ist.
Literatur
Anati, E. Höhlenmalerei (Düsseldorf 2002)
Bahn, P.G. The Cambridge illustrated history of prehistoric art (Cambridge 1998)
Fiedler, L. – Rosendahl, G – Rosendahl, W., Altsteinzeit von A bis Z (Darmstadt 2011)
Gamble, C. Origins and revolutions. Human identity in earliest prehistory (Cambridge 2009)
Le Tensorer, J.-M. / Niffeler, U., Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter. Paläolithikum und Mesolithikum (Basel 1993)
Lorblanchet, M. (hrsg.), Höhlenmalerei. Ein Handbuch (Sigmaringen 1997)
Richter, J. Altsteinzeit. Der Weg der frühen Menschen von Afrika bis in die Mitte Europas (Stuttgart 2018)
Rau, S. et al., Eiszeit, Kunst und Kultur. Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg und die Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Eberhard-Karls-Universität Tübingen (Ostfildern 2009)
Trachsel, M., Ur- und Frühgeschichte. Quellen, Methoden, Ziele (Zürich 2018)

Letzte Änderung: 31.10.2020