Geschichte der Archäologie

Bereits früh interessierten sich die Menschen für die Vergangenheit. Viele archäologische Befunde wie Steinkreise, Gräber oder Bauten sind oberflächlich sichtbar und den Menschen war durchaus bewusst, dass diese aus der Vergangenheit stammen. Das Sammeln von Antiquitäten hatte lange Tradition, die bis in das Altertum reicht. Die Archäologie als Wissenschaft entwickelte sich jedoch erst im 19. Jh.

Antike

Der moderne Begriff «Archäologie» geht auf das altgriechische Wort archaiologia zurück, das vermutlich erstmals im 4. Jh.v.Chr. erwähnt wurde. Darunter verstand man die Erforschung der Vergangenheit aufgrund von Mythen und Legenden, die schriftlich und mündlich überliefert wurden. Dabei standen für die griechischen Philosophen besonders die Erforschung der Entwicklung der Menschheit und der eigenen Vergangenheit im Vordergrund. Vor den griechischen Philosophen waren bereits Könige aus dem Vorderen Orient an der Vergangenheit interessiert. Babylonische Könige liessen alte Tempel wieder errichten und gruben alte Götter- und Herrscherstatuen wieder aus. Nebukadnezar II. (640-562 v.Chr.), der König von Babylonien, richtete in seinem Palast eine Art Antikensammlung ein, in der er Statuen und Texttafeln aus dem Zeitraum vom 3. Jt. bis zum 7. Jh.v.Chr. ausstellte.

Mittelalter

Im Mittelalter kannte man die Antike von den griechischen und römischen Autoren, deren Schriften in den Klöstern kopiert und erhalten wurde. Bauten und Objekte aus den schriftlosen prähistorischen Kulturen Zentraleuropas wurden hingegen oft in die Welt der Mythen und Legenden versetzt. So glaubte man, dass jungsteinzeitliche Megalithanlagen wie Stonehenge in Südengland das Werk von Riesen und Zauberer waren.

Die älteste bildliche Darstellung von Stonehenge zeigt den Bau von Stonehenge durch den Zauberer Merlin mit Hilfe von Riesen. Die Darstellung stammt aus Waces Roman de Brut aus dem 14. Jahrhundert (Wikimedia Commons, Public Domain)

Renaissance bis 1800

Die Renaissance war eine Epoche, in der die Antike wieder auflebte. Das Interesse führte dazu, dass in Italien und Griechenland gezielt nach Artefakten gegraben wurden. Mit Archäologie hatte dies jedoch nichts zu tun, es war vielmehr ein Sammeln von Objekten für die eigene Kunstsammlung, wobei der ästhetische Wert der Objekte im Vordergrund stand. Gleichzeitig begannen aber auch die ersten wissenschaftlich motivierten, dokumentierten Grabungen. In der Schweiz gehört Augusta Raurica zu den ersten Stätten, die im 16. Jh. erstmals systematisch untersucht und dokumentiert wurden.

Im 17. Jh. begannen immer mehr Menschen, vornehmlich aus der Oberschicht, archäologische Artefakte zu sammeln, ohne dass ihnen die wissenschaftliche und kulturelle Bedeutung dieser Funde bekannt war. Sie wurden wegen ihrer sonderbaren Erscheinung gesammelt und in sogenannten Wunderkammern und Kuriositätenkabinette ausgestellt. Gleichzeitig nahmen Ausgrabungen in dieser Zeit grössere Ausmasse an. Im 18. Jh. begannen einige Gelehrte auch, diese Artefakte zu bestimmen und erste Datierungsversuche zu unternehmen. Graf Caylus, Johann J. Winckelmann, Christian Gottlieb Heyne waren die Ersten, die Klassische Archäologie als anerkannte Wissenschaft an einer Universität lehrten. Damit wurden auch viele wichtigen Stätten mit wissenschaftlichem Interesse ausgegraben, unter anderem Pompeji, das ab 1748 untersucht wurde.

Die Ausgrabung in Pompeji von Filippo Palizzi (1870) ist eine romantische Darstellung der Ausgrabung in Pompeji (Wikimedia Commons, Public Domain)

19. Jahrhundert

Im 19. Jh. und der Zeit des Kolonialismus wurden archäologische Stätten im Orient von den Kolonialmächten regelrecht geplündert und die Fundobjekte nach Europa verfrachtet, um mit ihnen das Louvre, das British Museum, die Museen in Berlin und andere europäischen Museen zu füllen. Andererseits was das 19. Jh. auch geprägt von neuen wissenschaftlichen Fortschritten und neuen Forschungsansätzen. Viele Konzepte und Theorien aus dem 19. Jh. prägen noch immer die heutige Archäologie. Die wichtige «Entdeckung» für die Archäologie Europas war das sogenannte Dreiperiodensystem, das vom dänischen Archäologen Christian Jürgensen Thomsen definiert wurde. Thomsen teile die Ur- und Frühgeschichte in die Epochen Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit ein. Beim Aufräumen eines Museumsarchivs in Kopenhagen erkannte er, dass Artefakte aus Stein, Bronze und Eisen einer relativ chronologischen Reihenfolge folgten mussten. Er kam zu dieser Erkenntnis, indem er die Feststellung machte, dass Steinobjekte immer gemeinsam gefunden wurden, Stein und Bronze selten zusammen vorkamen, Stein und Eisen nie zusammen gefunden wurden, wohingegen Bronze und Eisen schon. Dadurch datierte er die Steinobjekte als die ältesten und die Eisenobjekte als die jüngsten. In der Schweiz wurden 1854 die ersten Pfahlbauten im Zürichsee entdeckt, was der Beginn der Pfahlbauerforschung war. Archäologie war in Europa zu dieser Zeit auch stark mit Nationalismus und Identitätsbildung der Nationalstaaten verbunden. Man wollte durch die Archäologie seinen eigenen Wurzeln nachgehen.

20. Jh.

Besonders im Dritten Reich wurde Archäologie vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus und der Rassenlehre betrieben. Einerseits galt es, den Ursprung des deutschen Volkes zu suchen, andererseits wurde die Abgrenzung zu anderen Kulturen und «Rassen» betont. Besonders Gustaf Kossinna (1858-1931) war ein Verfechter der Theorie, dass sich Kulturen und Ethnien über ihre materielle Hinterlassenschaft definieren lassen. Einer der bekanntesten Archäologen des 19. Jh. war der Australisch-britische Archäologe Vere Gordon Childe, der besonders im Vorderen Orient und Grossbritannien Ausgrabungen durchführte. Er definierte die Begriffe «Neolithische Revolution» (Beginn der Sesshaftigkeit und des Ackerbaus) und «Urbane Revolution» (Beginn der Urbanisierung). Beides sind Ereignisse, die massgebend für die Entwicklung der Menschheitsgeschichte waren. Nach dem zweiten Weltkrieg machte auch die Naturwissenschaft einen grossen Sprung nach vorne, wobei naturwissenschaftliche Methoden in der Archäologie zum Einsatz kamen. 1949 entdeckte der Chemiker Willard Libby die Radiokarbondatierung, mit der das Alter von organischem Material bestimmt werden kann.

Literatur

Benz, M. – Maise, C. Archäologie (Stuttgart 2006)
Beyer, J. M., Archäologie. Von der Schatzsuche zur Wissenschaft (Mainz 2010)
Renfrew, C. – Bahn, P., Basiswissen Archäologie. Theorie, Methoden und Praxis (Darmstadt 2009)
Schnapp, A., Die Entdeckung der Vergangenheit. Ursprünge und Abenteuer der Archäologie (Stuttgart 2009)

Letzte Änderung: 16.11.2020