Griechische Kunst

Grossplastik und Portraits

Griechische Plastik war besonders in den Anfängen der Archäologie, als die klassische Archäologie noch Teildisziplin der Kunstgeschichte war, ein zentrales Forschungsgebiet. Dabei war die Forschung besonders an den künstlerischen, ästhetischen und stilistischen Aspekten der Werke interessiert. Fragestellungen drehten sich um die stilistische Einordnung der Werke und deren Zuordnungen in die verschiedenen Epochen. Heute stehen weniger rein kunstgeschichtliche Fragestellungen im Zentrum, sondern die Erforschung des gesamten kulturellen Kontextes der Plastiken. Auch wird heute kritischer über den Kunstbegriff reflektiert. Kunst im neuzeitlich-modernen Sinne ist nicht zwingend auf die Antike zu übertragen. In der Antike war die Bildhauerei ein Handwerk. Ein Bildhauer war kein Künstler im heutigen Sinn, sondern ein Handwerker. Er fertigte die Werke nicht alleine an, sondern in einer Werkstatt mit Angestellten. Er musste bei der Herstellung der Skulpturen die Vorstellungen und Erwartungen der Auftraggeber erfüllen. Skulpturen erfüllten nicht primär einen dekorativen oder ästhetischen Zweck, sondern hatten bestimmte Funktionen. Sie waren das Abbild oder Kultbild einer Gottheit, eine Votivgabe in einem Heiligtum oder ein Bildnis einer wichtigen Persönlichkeit. Bildwerke der Griechen drehten sich zum grossen Teil um das alltägliche Leben, die Mythen der Vorzeit und die Götter. Griechische Statuen waren keineswegs so weiss wie sie heute in den Museen stehen. Einst waren sie bunt bemalt, doch bis auf wenige Farbreste bei einzelnen Skulpturen konnte sich die Farbe nicht erhalten.

Griechische Originale – Römische Kopien

Viele antike Skulpturen, die heute in den Museen stehen und den Griechen zugeschrieben werden, sind keine Werke griechischer Bildhauer, sondern Kopien aus römischen Werkstätten. Griechische Plastiken wurden oft aus Bronze gegossen, was schlechter erhalten bleibt als Plastiken aus Marmor. Dass wir heute dennoch viele griechische Werke kennen, verdanken wir dem Umstand, dass Werke berühmter griechischer Bildhauer in römischer Zeit als Marmorskulpturen kopiert wurden. Ab dem 2. Jh.v.Chr. wurde es üblich, öffentliche und private Plätze mit griechischen Skulpturen zu dekorieren. Das Kopieren erfolgte dabei selektiv. Man wollte bestimmte Figuren und bestimmte Motive für bestimmte Orte kopieren. Dabei wurden primär Skulpturen aus der Klassik kopiert, hellenistische Kopien sind seltener und Kopien archaischer Skulpturen gibt es so gut wie keine. Römische Kopien lassen sich an bestimmten Merkmalen von den griechischen Originalen unterscheiden. Römische Skulpturen sind oft mit einer Stütze ausgestattet, die der Figur Halt gibt. Diese Stütze ist meistens in Form eines Objektes, das zur dargestellten Figur passt, beispielsweise einen Baumstamm oder ein Gefäss. Skulpturen wurden nicht detailtreu kopiert, sodass der Stil des römischen Bildhauers durchscheint. Natürlich kopierten die Römer nicht nur, sondern fertigten auch eigene Kreationen an. Wenn aber von einem bestimmten Werk mehrere Versionen existieren, ist dies ein Zeichen dafür, dass es mit grosser Wahrscheinlichkeit die Kopie eines griechischen Werkes ist.

Kunstgeschichtliche Einordnung

Die Skulpturen lassen sich in die Epochen Archaik, Klassik und Hellenismus einordnen. Dabei spielen Stil und Motiv eine wichtige Rolle, da die Skulpturen einer Epoche alle den gleichen Stilmerkmalen folgen.

Archaik (700 – 480 v.Chr.)

Die Zeit um 700 v.Chr. stand ganz im Zeichen der kulturellen Kontakte mit den Kulturen des Nahen Osten (u. a. Phönizien, Mesopotamien, Ägypten). Dadurch kamen orientalische Motive und mythologische Wesen wie die Sphinx oder der Greif in die griechische Bildkunst. Im 7. Jh.v.Chr. entstanden die ersten Grossplastiken in Griechenland. Führende Produktionszentren der Bildhauerei waren zunächst Kreta und die Kykladen. Später entwickelte sich auch Athen zu einem wichtigen Zentrum der archaischen Bildhauerei. Das Bildrepertoire der Archaik wird von zwei Haupttypen dominiert: Dem Kouros und der Kore. Als Kouros (Pl. Kouroi) wird ein nackter Jüngling bezeichnet. Charakteristisch sind die starre Frontalität, die Schrittstellung mit einem vorgesetzten Fuss und die zur Faust geformten Händen (Abb. 1 und 2). Die Darstellung der Kouroi ist ägyptisch beeinflusst. Eine Kore (Pl. Korai) ist das weibliche Gegenstück des Kouros. Im Gegensatz zum Kouros haben diese eine breite Variation an Kleidung und Frisuren. Frühe Exemplare sind starr und blockhaft gestaltet. Spätere Exemplare tragen reiche Gewänder und Fechtfrisuren (Abb. 3-5). Eine Gemeinsamkeit von Korai und Kouroi ist die Ausarbeitung ihrer Gesichter. Typische Merkmale sind die mandelförmigen Augen, die zu Beginn noch übergross dargestellt wurden, sowie das Lächeln, das als «archaisches Lächeln» bezeichnet wird. Die Kouroi und Korai wurden als Votivgaben in Heiligtümern aufgestellt. Nach dem heutigen Forschungsstand werden Korai und Kouroi als Repräsentation der Jugend interpretiert, die den Stolz der Familie und der Polis verkörpern sollen. In einigen Fällen, wie bei der Phrasikleia (Abb. 4), dienten diese Statuen auch als Grabmal einer vermutlich jung verstorbenen Person.

Abb. 1: New Yorker Kouros. 590 – 580 v.Chr. Marmor © Metropolitan Museum of Art
Abb. 2: Kroisos Kouros. Ca. 530 v. Chr. Marmor (Wikimedia Commons, Public Domain)
Abb. 3: Peploskore. Ca. 530 v.Chr. Marmor (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5, bearbeitet durch C. Marti)
Abb. 4: Phrasikleia Kore. Ca. 550 v.Chr. Marmor (Wikimedia Commons, CC0)
Abb. 5: Kore 674. Ca. 550 v.Chr. Marmor (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5, bearbeitet durch C. Marti)

Klassik (480 – 300 v.Chr.)

Im 5. Jh.v.Chr. entwickelte sich die Bildhauerei zu idealisierten Darstellungen menschlicher Körper. Besonders die Entwicklung der sogenannten Ponderation prägte die klassische Plastik. Unter Ponderation versteht man die Gewichtsverlagerung auf ein Standbein und Spielbein. Auf dem Standbein ist das Gewicht der Skulptur gelagert, während das vorgesetzte Spielbein entlastet ist. Dadurch entsteht eine leichte S-Kurve, die durch den gesamten Körper verläuft (Abb. 6). Ab dem 5. Jh.v.Chr. sind erstmals individuelle Bildhauer überliefert. Einerseits durch schriftliche Quellen, andererseits durch Inschriften, die an den Skulpturen angebracht wurden. Zu den Bekanntesten zählen Myron, Polyklet, Phidias und Praxiteles. Auch das Repertoire an Motiven erweiterte sich in der Klassik. Vermehrt wurden Götter und Helden dargestellt, die durch eine einheitliche Ikonographie zu identifizieren sind. Auch berühmte Menschen, oftmals historische Persönlichkeiten oder Politiker, wurden abgebildet. Plastiken der Klassik hatten auch eine politisch-soziale Bedeutung. Viele repräsentieren politische Ereignisse und dienen der Identitätsbildung der Polis. Auch die Darstellung von Sinnlichkeit war beliebt.

Abb. 6: Doryphoros des Polyklet. Ca. 440 v.Chr. Marmor. Römische Kopie © Minneapolis Institute of Art
Abb. 7: Aphrodite von Knidos vom Bildhauer Praxiteles. 350-330 v.Chr. Marmor. Römische Kopie (Wikimedia Commons, Public Domain)
Abb. 8: Apollon von Belvedere. 330-320 v.Chr. Marmor. Römische Kopie (Wikimedia Commons, Public Domain)

Hellenismus (300 – 30 v.Chr.)

Der Hellenismus ist geprägt von den Feldzügen Alexander dem Grossen nach Asien und den danach folgenden Diadochenkriegen. Dies widerspiegelt sich auch in der Bildhauerei, wo neue Formen, Darstellungsweisen und Themen aufgegriffen wurden. hellenistische Kunst ist allgemein weniger gut überliefert als klassische. Dies hat auch damit zu tun, dass die Hellenistische Kunst in der römischen Zeit weniger geschätzt und dadurch auch weniger kopiert wurde, da sie als zu realistisch und emotional galt. Die Figuren sind mit dynamischen Bewegungen und beinahe übertrieben dramatisch dargestellt. Auch kommen mehrfigurige Kompositionen vor. Bei den Motiven sind nach wie vor Götterdarstellungen beliebt. Besonders Götter des persönlichen Lebens, wie die Glücksgöttin Tyche oder der Weingott Dionysos, wurden gerne dargestellt. Auch mythologische Szenen erfuhren grosse Beliebtheit, einige davon trugen eine politische Botschaft. Mythologische Szenen verdeutlichen die Ausgesetztheit und Hilflosigkeit der Menschen gegenüber den Göttern. Erstmals wurden Menschen realistisch und nicht idealisiert abbildet. Es gibt Statuen von Alten, Betrunkenen und Menschen aus den unteren sozialen Schichten. Im Hellenismus bekamen auch Herrscherporträts eine neue Bedeutung, allen voran die Bildnisse Alexanders, der als jugendlicher Held dargestellt wurde.

Abb. 9: Laokoon Gruppe. Mitte 1. Jh.v.Chr. Marmor. Römische Kopie (Wikimedia Commons, Public Domain)
Abb. 10: Ein Kelte tötet seine Frau und begeht Selbstmord. Ca. 220 v.Chr. Marmor (Wikimedia Commons, Gemeinfrei)
Abb. 11: Nike von Samothrake. Ca. 190 v.Chr. Marmor (Wikimedia Commons, Public Domain)
Begriffe

Kultbild: Kultbilder sind, im Gegensatz zu einem Abbild, mehr als nur die Darstellung einer Gottheit. Kultbilder waren in religiöse Praktiken eingebunden.
Greif: Mischwesen; halb Vogel, halb Löwe
Polis (Pl. Poleis): Autonome Stadtstaat in Griechenland
Votiv: Weihgabe, die als ein Geschenk für die Götter in Heiligtümern aufgestellt wurde.
Literatur
Andreae, B. Skulptur des Hellenismus (München 2001)
Bol, P. C. Klassische Plastik (Mainz 2004)
Bol, P. C. Die Geschichte der antiken Bildhauerkunst (Mainz 2002)
Hölscher, T. Klassische Archäologie. Grundwissen (2006 Darmstadt)
Hölscher, T. Die Kunst der Griechen (München 2007)
Karakasi, K. Archaische Koren (München 2001)
Neer, R. T. Kunst und Archäologie der griechischen Welt. Von den Anfängen bis zum Hellenismus (Darmstadt 2013)

Letzte Änderung: 19.06.2021