Merkmale und Entstehung früher Hochkulturen

Am Beispiel von Uruk

Im Zuge des Neolithikums und der Kupferzeit wuchs die Bevölkerung und aus Siedlungen wurden Dörfer und aus Dörfer Städte. Mit der Urbanisierung entstanden ersten Hochkulturen. Uruk, im Süden von Mesopotamien, gilt als erste Grossstadt und war namensgebend für die erste Hochkultur im Vorderen Orient. Die urukzeitliche Gesellschaft durchlief im 4. und 3. Jt.v.Chr. eine tiefgreifende Veränderung in Wirtschaft, Politik und der Lebensweise. Monumentale Architektur, eine komplexe arbeitsteilige Wirtschaft sowie die Erfindung der Schrift sind die Hauptcharakteristika der Urukzeit. Die neolithischen Dorfgemeinschaften Vorderasiens konzentrierten sich in Nordmesopotamien, wo jährlich genug Niederschlag fiel, um Landwirtschaft zu betreiben. Mit dem Wachstum der Bevölkerung und der fortschreitenden Expansion der Menschen wurde nach und nach auch die südliche Tiefebene Mesopotamiens besiedelt. Das Klima dort war jedoch zu trocken, um Regenfeldbau zu betreiben. Auch wenn die ersten Südmesopotamischen Siedlungen an den Flüssen Euphrat und Tigris lagen und das Land unmittelbar am Fluss fruchtbar genug für die Landwirtschaft war, reichte es dennoch nicht aus, um die Felder zu bewässern. Die Menschen halfen sich, indem sie künstliche Bewässerungsanlagen bauten.

Die Obed-Kultur – Vorläufer der Uruk-Kultur

Um etwa 6500 v.Chr. bildete sich in Südmesopotamien eine Kultur aus, die nach dem Fundort Tell el-Obed Obed-Kultur genannt wird. Die Obed-Kultur definiert sich über die relativ einheitlich gestaltete Keramik und Subsistenzweise. Im Laufe des 6. Jt.v.Chr. dehnte sich die Obed-Kultur bis nach Nordmesopotamien und Anatolien aus. In der Obed-Zeit sind zum ersten Mal die Ausbildung von gesellschaftlichen Hierarchien und Herrschaftsformen archäologisch nachweisbar. Einige Gebäude in den Siedlungen waren grösser als andere und deuten auf eine gesellschaftliche Differenzierung hin. Auch Religion ist erstmals in der Obed-Zeit nachweisbar. In Eridu wurde der erste monumentale Tempel errichtet. Eridu war während der Obed-Zeit eine der grössten Städte in Mesopotamien und wurde bereits im Altertum als die älteste Stadt der Welt bezeichnet.

Grossstadt Uruk

Gemäss der modernen Forschung ist jedoch nicht Eridu, sondern das nördlich gelegen Uruk die erste Grossstadt im Orient. Die nach der Stadt benannten Uruk-Kultur löste um 4300 v.Chr. die Obed-Kultur ab und stieg zur ersten Hochkultur im Orient auf. Die Topographie und die Lage in der Marschlandschaft am Euphrat boten ausgezeichnete Bedingungen für die Landwirtschaft. Auch konnte intensiven Fischfang betrieben werden. Die Stadt Uruk wuchs aus zwei ursprünglichen Stadtbezirken zusammen, die beide um eine Tempelanlage errichtet wurden. Die monumentalen Ziqqurate (Stufentempel) der beiden Kultzentren sowie die massive Stadtmauer prägten das Stadtbild und waren von Weitem sichtbare Landmarker in der ansonsten flachen Landschaft. Uruk wurde etwa 5000 Jahre lang besiedelt, bis sie in der Spätantike (3. Jh.n.Chr.) aufgegeben wurde.

Leben in Uruk – Ausbildung einer arbeitsteiligen Gesellschaft

Das Leben in einer Grossstadt will organisiert sein. Die Gesellschaft von Uruk war komplex aufgebaut. Durch die gut organisierte Landwirtschaft und den Fischfang war es möglich, die Erträge zu vermehren und Nahrungsüberschüsse zu erzielen. Die guten Lebensbedingungen wiederum förderten den Bevölkerungswachstum. Dies führte zur Entwicklung einer arbeitsteiligen Gesellschaft, in der nicht mehr alle Menschen in der Landwirtschaft tätig sein mussten, sondern auch andere Berufe wie Handwerker, Schreiber, Architekten oder Töpfer ausüben konnten. Die zunehmende Spezialisierung und Arbeitsteilung machten eine Administration nötig, die die Versorgung der Menschen organisierten und überwachten. So entwickelte sich eine Wirtschaftsweise, in der eine zentrale Institution die Güter von den Produzenten einzogen und sie an die Menschen zurückverteilten. Mit der Zeit entstand eine herrschende Elite, deren Aufgabe es war, dafür zu sorgen, dass das System dauerhaft funktioniert.

Abb. 2: Rollsiegel sind eine wichtige Erfindung der Uruk-Zeit. Diese wurden verwendet um Eigentum zu markieren und Dokumente zu siegeln (British Museum, Inv. Nr. 123348) © The Trustees of the British Museum

Herrscher von Uruk

Zur Stadtverwaltung von Uruk sind viele antike Texte überliefert. Dabei handelt es sich um Listen mit Titeln und Berufsnamen. Der Titel der Person, die zuoberst in der Hierarchie steht, lautete «En» und wurde als «Herr» oder «König» übersetzt. In Uruk hatte der Herrscher scheinbar eine politisch-militärische, aber auch eine kultisch-religiöse Verantwortung. Herrschen war in Uruk, und im Vorderen Orient allgemein, eine männliche Angelegenheit. Zwar gab es auch Königinnen, doch diese übten als Ehefrauen der Könige wenig oder nur indirekt politische Macht aus.

EXKURS: Das Gilgameš-Epos
Das Gilgameš-Epos zählt zu den bekanntesten Erzählungen aus dem Vorderen Orient und handelt von einem König aus Uruk. Das Epos besteht aus einer Sammlung literarischer Texte, verfasst in der sumerischen und akkadischen Sprache. Laut dem Epos war Gilgameš der erste König von Uruk, der 126 Jahre über Uruk regierte. Von Gilgameš existiert kein verlässlicher historischer Nachweis, seine Figur ist daher eher der Sagenwelt zuzuordnen. Gilgameš gilt als Inbegriff eines idealen Herrschers. Laut Legende war Gilgameš zu einem Teil menschlich und zum anderen Teil göttlich. Im Fokus des Epos stehen seine Freundschaft mit Enkidu, ihre Heldentaten, Enkidus Tod und Gilgameš Streben nach Unsterblichkeit.

Monumentale Tempelarchitektur, Religion und Macht

Monumentale Architektur diente seit dem Neolithikum der Repräsentation und der Ausübung kultischer Handlungen (siehe Kapitel «Megalithanlagen in Vorderasien und Europa»). In der Urukzeit nahm der Bau von monumentalen Tempelanlagen neue Ausmasse an (Abb. 2). Die Tempelbauten dienten der Repräsentation und Legitimation der Herrschenden, deren Macht religiös fundiert war. Es wird vermutet, dass in Uruk eine Art Priester-König herrschte. Seine Macht war eng mit der Religion verbunden, die in Kulthandlungen und der Tempelarchitektur zum Ausdruck kam. Die Tempelanlagen sind den unterschiedlichen Göttern und Göttinnen geweiht, die in Mesopotamien verehrt wurden.

Abb. 3: Rekonstruktion des Weissen Tempels von Uruk (Wikimedia Commons, Public Domain)
Abb. 4: Heute ist vom einstigen Tempel nur noch ein Ruinenhügel übrig (Tobeytravels, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)
Take Home Message – Das wichtigste in Kürze
Merkmale einer Hochkultur sind:
– Deutliche Hierarchie (Verwaltung, Königtum, Elite)
– Eine arbeitsteilige Gesellschaft
– Komplexe Wirtschaft und Administration
– Urbane Zentren
– Komplexe Architektur
– Entwickelte Religion mit religiösen Bauten, Führung (Priester), Riten
– Verschiedene technische Innovationen wie Bewässerungsanlagen, die schnelldrehende Töpferscheibe, etc.
– (Das Vorhandensein von Schrift)
Literatur

Crüsemann N. et al., Uruk. 5000 Jahre Megacity (Petersberg 2013)
Frahm, E. Geschichte des alten Mesopotamiens (Stuttgart 2013)
Rainer, A. et al., Frühe Hochkulturen. Ägypter, Sumerer, Assyrer, Babylonier, Hethiter, Minoer, Phöniker, Perser (Stuttgart 2003)
Selz, G.J. Sumerer und Akkader. Geschichte, Gesellschaft, Kultur (München 2005)

Letzte Änderung: 19.06.2021